Compagnie Ribac-Schwabe

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21 janvier 1997

Als die Bilder singen lernten

François Ribac macht aus Karl Grunes Stummfilm "Die Strasse" eine "Kinopéra"

Die Strasse ist Filmstar geworden. In Literatur und Kino vorab des Expressionismus war die Strasse der Grosstadt mehr als bloss Ort, sie war eine Handlungsfigut, vielgestaltig, verlockend, vernichtend. Siegfried Kracauer sprach von den "Strassenfilmen". Karls Grunes Stummfilm "Die Strasse" von 1923, für den Ludwig Meidner die Kulisse entwarf, zeigt dieses Eindringen grosstädtischer Aussenwelt ins Innen der Kleinbürgerstube schon in den ersten Bildern. Auf dem Sofa ruhend, betrachtet der Ehemann gebannt die auf der Wohnzimmerdecke tanzenden Schatten des bunten Strassenlebens drunten und widersteht nicht länger der Versuchung, sich selbst ins nächtliche Treiben zu werfen. Nur seine Frau bleibt zurück und schliesst oben weiterhin permanent Tûren und Kochtöpfe und stellt das Essen zum Warmhalten ins Ofenrohr.

Aus dieser Stummbilderfolge hat der französische Komponist François Ribac ein neues, originelles Werk mit dem Titel "Kinopéra" geschaffen. Statt einfach eine Begleitmusik zu Grunes Film zu schreiben, hat Ribac diesen zu einem musikalischen Divertimento für vier Sänger vor laufender Filmprojektion umgearbeitet. Die Darsteller agieren auf der Vorderbühne, als wären sie aus der Leinwand getreten. Anregen liess sich der Komponist unter anderem von jenen 3Tonfilm"-Vorführungen kurz nach 1900, bei denen, wie Kracauer beiläufig berichtete, ein Sänger vor der Leinwand mit den Lippen die Begleitmusik eines Grammophons mimte. Die von Ribac zusammen mit der deutschen Sängerin Eva Schwabe zusammengestellten Texte von Yvan Goll, Erich Mühsam, Georg Trakl, Georg Heym und anderen Autoren, die vom fragmentierten Individuum im modernen Stadtleben handeln, suchen die jeweiligen Filmszenen mehr zu verfremden als zu illustrieren. Die vom Tonband gespielte Musik, die ihre Anklänge an Kurt Weill nicht verleugnet, schöpft vor allem aus dem scharf rhythmisierten Stilrepertoire der Music Hall, lässt bald die Geigen zirpen, bald die Perkussion dazwischenfahren oder die Elektroorgel wabern und verschmäht auch nicht einzelne Originalgeräusche wie Tellerklappern oder Ballsaalgeraune.

So entsteht eine abwechslungsreiche, gefällige, meist fluide Musik - etwas zu fluide vielleicht, wenn sie vom Variété der zwanziger mitunter zu dem der siebziger Jahre hinübergleitet. Das mag dem insgesamt doch mehr romantischen als expressionistischen Film Grunes entgegenkommen. Etwas mehr schräge und schrille Kontrapunkte der Dissonanz hätten dem Werk aber nicht geschadet. Das wird in der geschickten Regie von Denis Krief teilweise wettgemacht. Die kantige, überspitzt emphatische, zugleich aber diskret unaufdringliche Gestik ist offensichtlich der Malerei und dem Theater des Expressionismus abgeschaut. Bald scheinen die vier ganz in schwarz gekleideten Sänger mit der Leinwand zu verschmelzen, bald heben sie sich scharf von ihr ab. Mit ihren abwechselnd solistisch und im Chor gesungenen Stücken agieren sie wie leibhaftig gewordene Filmuntertitel: Man schaut drauf und zugleich darüber hinweg.

Schade nur, dass in der grossen Eindrucksfülle dem Zuschauer vieles entgeht und man die Texte mitunter überhört. Wenn Grunes Film am Ende moralbeflissen ins Happy-End fiebert, der Mörder verhaftet, die kindliche Unschuld bewiesen ist und der Ehemann wieder bei der Ehefrau in der Stube sitzt, steuern die Sänger mit Emile Verhaerens Gedicht "Die Stadt" im Chor aus Leibeskräften dagegen. Unentwegt, so singen sie, schleiche der schwarzgekleidete Tod durch die Strassen und schiebe Schatten um Schatten im Dunst sich weiter über die Brücke. Die Aufführung ist gegenwärtig auf Tournee durch die Pariser Vorstädte.

Joseph Hanimann